22.09.2025
Interview mit George
Gottes Wort auf Türkisch in zeitgemäßer und verständlicher Sprache
Im Frühling 2023 erschien unsere Übersetzung des Neuen Testaments in modernem Türkisch – ein Gespräch mit Projektleiter George.
George, erzähl uns ein wenig von dir: Wie kamst du zu diesem Übersetzungsprojekt und was ist deine Aufgabe?
Ich spreche gut Türkisch, ich kann türkisch predigen, aber ich bin kein Übersetzer. Wir haben ein Übersetzerteam von zwei Leuten, die sehr, sehr gut sind, in dem, was sie tun, und bereits ihr Leben lang übersetzen. Sie erinnern mich immer mal wieder: „George, du bist kein Übersetzer.“
Und sie haben recht. Meine Verantwortung ist es, das Team, [bestehend aus Übersetzern, stilistischen Beraterinnen und Sprachexperten für alte Sprachen] zu leiten. Es gibt interne und externe Aspekte, und eine der Aufgaben lag darin, dass das Projekt von einem Verlag und von Biblica – einem weltweit tätigen Bibelherausgeber – akzeptiert wird. Das schafft Vertrauen und war sehr wichtig für die Qualitätssicherung des Projekts.
Wie hat alles begonnen und wo steht ihr heute?
Ein türkischer Pastor in London bat uns um Hilfe. Seine Gemeindemitglieder trafen sich wöchentlich zum gemeinsamen Bibellesen, aber die Leute sagten immer: „Wir verstehen das nicht.“ Also baten sie uns darum, eine türkische Bibel herauszubringen, die leichter verständlich ist.
Seither geben wir unser Bestes. Das Ziel war eine türkische Übersetzung mit begrenztem Wortschatz und kürzeren Sätzen. Und jetzt sagen die Leute: „Ja, das ist leicht zu lesen!“
Kurz nachdem wir mit dem Projekt gestartet hatten, kam Corona. Vorher kannten wir Zoom noch nicht. Ich drängte das Team: „Probiert es aus.“ Sie fanden es erst zu gefährlich. Doch schließlich ließen sie sich überzeugen – das war ein echter Durchbruch.
Unser Chef-Übersetzer ist regelmäßig auf Reisen. Jetzt öffnet er – egal wo er gerade ist – einfach seinen Laptop, loggt sich ein – und übersetzt mit den Leuten am anderen Ende der Welt jeden Tag zwei Stunden lang. Ein Riesenfortschritt.
[...] Nachdem wir das Neue Testament fertiggestellt hatten, dachten wir darüber nach, uns an die Psalmen zu machen. Aber davon wurde uns abgeraten, denn die Psalmen sind poetisch in Struktur und Sprache und darum viel schwieriger zu übersetzen. Also beschlossen wir, ganz vorne, bei 1.Mose anzufangen. Heute sind wir bei 91 % des Alten Testaments angelangt.
Warum braucht es nebst den bestehenden türkischen Bibeln eine moderne Übersetzung?
Weil es keine gibt. Unsere Übersetzung war zuerst für die türkische Diaspora in Europa gedacht – hier leben etwa zehn Millionen türkischsprachige Menschen. Eine halbe Million in England, viele weitere in Deutschland, der Schweiz, Holland und Frankreich.
Wir wollten etwas Einfaches, das auch die zweite und dritte Generation versteht, die Türkisch von ihrer Mutter kennt, aber keinen akademischen Wortschatz besitzt. Dieses Ziel haben wir erreicht.
Die Leute waren begeistert und fragten: „Warum bringt ihr das nicht auch für die Türkei raus?“ Eno sagte sofort: „Das machen wir!“ Er war die treibende Kraft dahinter.
Vielleicht fürs Verständnis noch etwas Geschichte: Die erste türkische Bibelübersetzung wurde im 17. Jahrhundert von einem Übersetzer des Sultans gemacht: Ali Bey (gebürtig Wojciech Bobowski) war ein polnischer Konvertit zum Islam. Seine Übersetzung, die Kitabı Mukaddes („Heiliges Buch“), war lange Zeit die einzige vollständige türkische Bibel.
Doch dieser Text wurde aus dem Osmanischen Reich geschmuggelt und lag 170 Jahre lang in einem holländischen Museum in einer Vitrine. Niemand las ihn. Irgendwann sagte jemand: „Man sollte das drucken!“ – Das tat man dann auch, aber im osmanischen (arabischen) Schriftsystem. Der Text ist voller Begriffe, die heute unverständlich sind.
1938 übersetzte ihn die Bibelgesellschaft in Istanbul neu. Als ich 1965 in die Türkei kam, war das die einzige Bibel, die wir hatten.
1978 versammelte sich eine Gruppe ausländischer Missionare in Ankara – es war ein eiskalter Winter. Wir sagten: „Wir brauchen eine bessere Übersetzung.“ und boten der Bibelgesellschaft unsere Zusammenarbeit an, aber sie lehnte ab. Sie mochten die alte Übersetzung. Aber etwas zu mögen und es zu verstehen, sind zwei verschiedene Dinge.
Die Missionare entschieden sich also, unabhängig weiterzumachen. Sie übersetzten zuerst das Neue Testament, dann die ganze Bibel. Diese Version wird seit den späten 1980er Jahren weltweit genutzt und nennt sich Kutsal Kitap. [Allerdings ist auch diese Übersetzung kompliziert, mit vielen langen, verschachtelten Sätzen. Außerhalb der Türkei wird sie kaum gelesen und noch weniger verstanden.]
Für die jetzige Übersetzung teilt sich Global Nomads das Urheberrecht mit Biblica, OM und The Translation Trust. Das bedeutet: Wir können die Bibel überall auf der Welt drucken, ohne Lizenzgebühren zu bezahlen. Das macht uns unabhängig und gibt uns große Freiheiten im Vertrieb.
Wie sieht der Übersetzungsprozess aus?
Die Übersetzer nutzen eine spezielle Software, mit der sie die verschiedenen Texte parallel vor sich haben: Griechisch, Hebräisch, Osmanisch und Türkisch.
Sie beziehen sich auch auf die Übersetzung von 1938, aber es gibt da noch eine eigene Übersetzung unseres Chef-Übersetzers, die nie gedruckt wurde. Diese wird als Basistext genommen und dann nach der Philosophie der NIV [New International Version] überarbeitet. Die NIV ist weder wörtlich noch paraphrasiert, sondern geht „einen Mittelweg“.
Beim Neuen Testament traf sich das Team bloß zweimal pro Woche. Manchmal fehlte jemand. Heute haben wir nebst den Hauptübersetzern zwei stilistische Beraterinnen im Team, beide sind Muttersprachlerinnen. Sie lesen den übersetzten Text und sagen: „Das verstehe ich gut“, „Das verstehe ich nicht“ oder „So könnte man es besser ausdrücken“.
Dazu kommt ein Sprachexperte für alte Sprachen. Beim Neuen Testament war es nur Griechisch. Beim Alten Testament sind es jetzt zwei Griechisch-Hebräisch-Experten. Das ganze Team trifft sich jeden Nachmittag für zwei Stunden – das sind zehn Stunden pro Woche statt nur drei. Das macht einen großen Unterschied. Die Übersetzung des Alten Testaments geht also viel schneller voran!
Was ist das Besondere an eurem Basistext?
Zwei Dinge: Er ist eine Paraphrase [eine freiere, sinngemäße Übertragung in eine andere Sprache]. Und er richtete sich an islamisch-konservative Leser. Deshalb enthielt er viele islamische Begriffe, die weitläufig im Alltag nicht benutzt werden und die viele Menschen eher befremden.
Wir haben also diesen islamischen Einfluss entfernt. Aber wir haben weiterhin das Wort „Allah“ für „Gott“ verwendet, was eine kontroverse Entscheidung war. Viele Missionare in der Türkei lehnen das ab. Die Übersetzung von 1938 hatte „Tanrı“ benutzt, ein Wort das ursprünglich einen vorislamischen Himmelsgott beschreibt.
Wir versuchen den Leuten zu erklären: Wenn jemand „Allah“ nicht mag, kann er gern „Tanrı“ sagen – aber beide Begriffe haben ihre Schwierigkeiten. „Allah“ bezeichnet übrigens nicht nur Gott im Islam, sondern ist schlicht das arabische Wort für „Gott“. Arabische Christen benutzten es bereits 600 Jahre vor Mohammed.
Welche sprachlichen und kulturellen Herausforderungen gibt es?
Der Islam ist aus dem Judentum hervorgegangen – daher ist das Verständnis für Opfer, Beschneidung, Fasten, Speisegebote etc. bereits in der türkischen Kultur verankert.
Das einzige echte Stolperstein ist das Sühneopfer Jesu. Muslime kennen aber die Abraham-Geschichte, daran können wir anknüpfen, auch wenn sie sagen: Es war Ismael statt Isaak.
Ein weiteres Thema ist der Wortschatz. Unsere stilistische Beraterin, eine bulgarische Türkin und Pastorin, sagt oft: „Dieses Wort habe ich noch nie gehört.“ [auch bezüglich Ausdrücken, die in der Türkei sehr geläufig sind]. Dann suchen wir nach anderen Formulierungen. Unsere andere stilistische Beraterin ist Kurdin, eine Journalistin mit einem literaturwissenschaftlichen Hintergrund. Zusammen ergibt das ein gutes Gleichgewicht.
Sobald das Alte Testament fertig übersetzt ist, müssen alle Zitate des Neuen Testaments harmonisiert werden. Das wird Monate dauern. Wir planen eine Veröffentlichung der gesamten Bibel in heutigem Türkisch Mitte 2027.
Welche Rolle spielt Gebet?
Immer wenn es 14 Uhr ist, weiß ich, dass das Team jetzt auf Zoom arbeitet. Dann bete ich. Es gibt auch eine Gemeinde, die regelmäßig für den Übersetzungsprozess betet und hoffentlich beten auch die Menschen, die jetzt dieses Interview lesen.
Bisher ist alles glattgelaufen. Bis auf dieses eine Mal, als Biblica uns mitteilte: „Wir nehmen das Alte Testament nicht. Wir wollen es nicht und wir brauchen es nicht.“
Wir wollten das nicht hinnehmen und haben viel gebetet. Dann vermittelte ein Biblica-Mitarbeiter, der in meiner Nähe wohnt, ein persönliches Treffen. Ich sagte zu Eno: „Das ist ein Job für dich – was wir jetzt brauchen ist eine Charmeoffensive.“
Der Hauptverantwortliche und Eno aßen zusammen, redeten, fanden eine gemeinsame Basis – und nun ist Biblica wieder mit an Bord. Alles wegen Gebet und eines gemeinsamen Mittagessens!
Anfangs hielten wir es für unmöglich, dass eine große Organisation wie Biblica mit einem unbekannten Team wie unserem zusammen arbeiten würde. Doch mittlerweile haben sie den Wert einer Bibel für hundert Millionen Türken innerhalb und außerhalb der Türkei erkannt.
Global Nomads finanziert das Projekt derzeit zu 100 %, aber nach der Veröffentlichung der ganzen Bibel wird Biblica ebenfalls finanzielle Mittel für den Druck bereitstellen.
Wir arbeiten außerdem mit einem christlichen Verlag in Istanbul zusammen und hatten bisher auch da keine Probleme. Das Neue Testament kam Gott sei Dank gut durch die Zensurprüfung.
Wie wurde die neue türkische Übersetzung aufgenommen?
Das Neue Testament erschien kurz nach dem schrecklichen Erdbeben in Ost-Anatolien, als viele Menschen nach der Wahrheit suchten und fragten: „Warum hat Allah das zugelassen?“
Wir druckten in der Türkei 75.000 Exemplare – weit mehr als vorher in Europa. Und viele Erdbeben-Flüchtlinge lasen zum ersten Mal das Neue Testament.
Auch in Deutschland kommen Leute auf uns zu und fragen: „Habt ihr noch eine Bibel für die Tochter meiner Freundin?“ Kaum fangen sie an zu lesen, geben sie sie schon weiter! In den letzten Wochen gab es auch viele Taufen.
Was erhofft ihr euch von der neuen Übersetzung?
Wir hoffen, dass sie viele neue Gläubige hervorbringen wird. Aber wir beten auch für mehr „Umsetzung der Bibel“ – dass sie nicht nur gelesen, sondern auch verstanden wird und die Menschen danach handeln.
Wie wird die Übersetzung zugänglich sein?
Wir haben eine eigene App fürs iPhone, aber auch in den gängigen Bibel-Apps ist unsere Übersetzung verfügbar.
Eine Audio-Version ist in Arbeit und sollte nächstes Jahr rauskommen.
Gibt es persönliche Herausforderungen oder Gebetsanliegen?
Ich bin 80 Jahre alt, mein Herz ist schwach und selbst in den Garten zu gehen, ist körperlich sehr anstrengend für mich. Ich danke dem Herrn für jeden Tag, an dem ich noch dabei sein darf.
Einer unserer Hauptübersetzer hat Krebs. Wir beten für ihn. Auch ich brauche Gebet. Wir drei Hauptbeteiligten – die beiden Übersetzer und ich – beten, dass wir alle am Leben bleiben, um das Projekt 2027 abzuschließen.
Was möchtest du uns zum Schluss noch mitgeben?
Ich danke Gott für das Engagement von Global Nomads – und besonders für Eno, der von Anfang an das Projekt geglaubt und es vorangetrieben hat.
In seiner eigenen Bekehrungsgeschichte spielte ein deutsches Neues Testament eine entscheidende Rolle. Er glaubt – ich glaube das auch, wir glauben das alle –, dass Gottes Wort selbsterklärend ist. Menschen können allein durch das Lesen der Bibel zum Glauben kommen.
Natürlich ist es gut, wenn Missionare und andere Gläubige Fragen beantworten können. Aber das Wort Gottes an sich ist „unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Weg“.
Spenden für das Bibelübersetzungsprojekt